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Minchün ha da scuar avaunt seis üsch

Jeder kehre vor seiner Tür

(Sprichwort aus dem Münstertal)

Sulèr.

Der Haupteingang des Gasthauses, im ersten Stock, schliesst an die Laube an. Allerdings befand sich die Treppe zur Laube früher nicht über dem rechten Kaufladen. Sie führte vielmehr bis zum Anbau des kleinen Okonomie-Gebäudes an der Westseite des Calven-Hauses, heute ausgebaut zum neuen Hotel-Trakt, an der Südseite der Aussenmauer empor.

Der Torbogen des Einganges stammt aus gotischer Zeit. Hinter ihm liegt der sulèr, der grosse Vorraum. Tausende von Menschen sind hier ein- und ausgegangen. Zwar sind ihre Schritte an den fast ein Meter dicken Mauern verhallt, aber sie sind nicht vergangen. Und es ist nicht nur der stellenweise ausgetretene Steinboden, der an die zahllosen Gäste erinnert. Der sulèr birgt Dokumente aus vergangenen Zeiten, die Einblick geben in das damalige Leben. So haben die mats Spuren hinterlassen: Die Deckenbalken und -bretter weisen in der Nähe der Eingangstüre Einstiche auf. Konserviert ist hier seit 500 Jahren die Muskelkraft der mats , mit der sie, von Wachegängen zurückkommend, ihre Hellebarden in die Decke stiessen. Das war der praktischste Aufbewahrungsort für ihre Waffen.

Die Spuren im Holz sind so deutlich, als seien die Bündner erst gestern zum Kampf gegen Maximilian ausgezogen. Und die einzelne Hellebarde, die heute als Erinnerung an die Calven-Schlacht in der Decke steckt, könnte nur vergessen worden sein von einem etwas verwirrten mat. Durchaus vorstellbar, dass er mit seinen schweren Nagelschuhen gleich die Treppe hinauf in den sulèr poltern, die Hellebarde ergreifen und den Kameraden nacheilen wird.

Eine weitere Erinnerung an die früheren Kriegswirren gibt die eine Wand des sulèrs preis: Eine Skizze, gleich links nach der Eingangstüre auf die Mauer gezeichnet. Sie zeigt zwei Kriegsleute mit fratzenhaften Zügen. Möglicherweise entstanden die Porträts bereits im Jahre 1499. Allerdings beherbergte das Calven-Haus im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder Soldaten, so dass die Skizze auch jünger sein könnte.

Genau datiert sind jedoch die Worte, die rechts neben der Stubentüre mit Rinderblut auf die Wand geschrieben wurden. Verfasst hat die Zeilen ein italienischer Gefangener, der 1696 im Keller der Chasa Chalavaina eine Haftstrafe verbüsste. Er klagt der Mauer, und allen Lesern bis in die heutige Zeit, seinen Schmerz: «Die Vergangenheit tut mir leid und die Zukunft macht mir Angst.» Warum er eingesperrt wurde, geht nicht hervor.

Die unrenovierten Mauerstellen mit Skizze und Inschrift bezeugen gleichzeitig die Fähigkeiten der Handwerker in früheren Jahrhunderten. Streicht der Betrachter mit der Hand an diesen Stellen über die Mauer, so zeigt sich, dass der Verputz hier viel feiner ist als auf dem renovierten Mauerwerk: Die Handwerker hatten den Verputz mit Eiweiss angereichert.

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