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Hungernde Kinder.

 

Die Bündner Truppen standen vor einem besonderen Gebäude. Einerseits war es das einzige Gasthaus im ganzen Dorf, andererseits erinnerte sein Baustil die mats daran, dass sie mit dem Überschreiten des Ofenpasses in ein Tal gekommen waren, das von seiner geographischen Lage und Ausrichtung her eher zum österreichischen Tirol gehörte, politisch und in bezug auf seine Sprache aber mit dem Bündnerland verbunden war.

Auf das Münstertal wirkten deshalb, zumindest bis zur späteren Grenzziehung, zwei Kulturen ein. Die beiden unterschiedlichen Stilrichtungen schlugen sich in der Bauweise der Häuser nieder: Währenddem die Gestaltung der Mauern und Fenster den Wohnhäusern im Engadin entsprach, war die Giebelkonstruktion der Chasa Chalavaina für die mats fremdartig. Der offene Dachraum mit dem sichtbaren Balkenwerk war für das Tirol typisch. Verwendet wurde er, um Fleisch, Früchte und Kräuter zu trocknen oder dörren.

Benedikt Fontana hielt auf der Laube des heutigen Hotels Chasa Chalavaina seine letzte Rede.

Am folgenden Tag trafen die Bündner bei der Calven, einer Engnis zwischen den heute zu Österreich gehörenden Dörfern Taufers und Laatsch, auf eine doppelt so starke gegnerische Armee. 12 000 Habsburger hatten sich hier hinter einem Festungswall verschanzt. Trotzdem vermochten die mats die feindliche Übermacht zu schlagen: Ein Teil der Truppe umging in einem anstrengenden Nachtmarsch die Schanze und fiel den Österreichern in den Rücken. Nach hartem Ringen mit entsprechendem Blutvergiessen gelang es den Bündnern, die Truppen Maximilians zu schlagen. Die Bündner sollen 2000 Mann verloren haben — unter ihnen Benedikt Fontana.

Nach ihrem Sieg zogen die Bündner tagelang sengend und plündernd durch das obere Etschtal. Die Dörfer Mals, Glurns und Laatsch gingen in Flammen auf. Der Historiker Paul Foffa berichtet, nach der Schlacht und dem Raubzug habe man auf einer Wiese, als nahezu einzige Überlebende, «eine Herde abgezehrter Kinder gesehen, welche das Gras gleich dem Vieh abweideten».

In die Geschichtsbücher ist die Schlacht an der Calven als eine der «grossen Schweizer Waffentaten» eingegangen.

Bereits wenige Wochen nach dem Sieg der mats führte Maximilian einen Rachefeld­zug durch. Seine Soldaten brandschatzten dabei im Münstertal ähnlich wie die Bündner im Etschtal: Die Dörfer wurden eingeäschert. Das Calven-Haus aber überstand die Kriegswirren unbeschadet.

Die Schlacht an der Calven weist auf die strategische Bedeutung des Münstertals hin. Für Maximilian war das Tal ein Einfallstor in das Zentrum der Eidgenos­senschaft. Zudem wickelte sich hier der Warentransport vom fruchtbaren Südtirol zu den Verkaufsmärkten ab. Gleichzeitig war das Münstertal Teil der Nord-Süd-Verbindung, die via Reschenpass—Münstertal—Umbrailpass führte. Für Maximilian eine äusserst bedeutsame Achse, damit er sein grosses Reich zusammenhalten konnte.

Die Schlacht an der Calven hat der Chasa Chalavaina ihren Namen gegeben. Die romanischen Wörter bedeuten auf deutsch Calven-Haus. Zwei gekreuzte Schwerter im Wirtshausschild erinnern an den Kampf.

 

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